Immergrün

Die anderen haben sie nicht.

Die Zeit.

Sie haben sie schon, jedoch ausgefüllt mit scheinbar wichtigen Dingen.

Kein Bewusstsein für das Hier und Jetzt.

Weil die Gegenwart schwer auszuhalten, kaum erträglich in der Konfrontation seiner selbst.

Auch ich habe so gefühlt, so gehandelt, so gelebt.

Oder besser gesagt, am Leben vorbei gedacht.

Prioritäten so gesetzt, dass eine gut programmierte Marionette ihren roboterartigen Tätigkeiten nachgehen kann ohne darüber nachdenken zu müssen, ohne anhalten zu müssen.

Denn dann könnte es schmerzhaft werden, unerträglich, unaushaltbar.

Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach so beiseiteschieben.

Zwar verdrängen für eine gewisse Zeit, jedoch wird sie dich einholen.

Irgendwann. Irgendwie.

Dann, wenn du am wenigsten damit rechnest.

Dann, wenn du meinst einen Zugang zu dir und der Welt da draußen geschaffen zu haben.

Dann, wenn du es am wenigsten erwartest, weil doch scheinbar alles gut läuft, du dich gut fühlst.

Aber sie lässt sich nicht so leicht täuschen, auch wenn du versuchst dich von ihr abzukapseln, dich loszusagen.

Sie bleibt ein Teil von dir.

Bestimmt dein Denken, Handeln und Fühlen.

Du bist eine Marionette deiner selbst im Streit mit deinen inneren Kindern, die ihren Weg suchen, einen Platz an deiner Seite zu ergattern.

Die auf dich aufpassen wollen, sodass gemachte Erfahrungen sich nicht wiederholen müssen.

Aber genau hier liegt die Krux.

In der Angst vor der Angst lebst du in der Angst.

Ständig.

Dauernd.

Permanent.

Sie beherrscht dich, bestimmt dich, hat Einfluss auf deine Entscheidungen.

Gerade dann, wenn du denkst du bist frei, du hast es geschafft, erledigt, hinter dich gebracht.

Gerade dann kommt sie zurück.

Die Angst loszulassen.

Von alten Mustern und Gewohnheiten, die dir scheinbar Geborgenheit vermitteln, dich in Sicherheit wiegen.

Aber sie sind falsch, da die Ursache ihrer Entstehung schon mangelhaft war.

Sie erscheinen dir nur richtig, da sie schon immer da gewesen, dich all‘ die Zeit begleitet haben.

Sind dir bekannt und wohl vertraut.

Willst du jedoch wirklich frei und unabhängig sein, tust du gut daran deine Vergangenheit Teil von dir werden zu lassen, ihr zu begegnen, sie zu ergründen und dann gehen zu lassen.

Loszulassen.

Abzugeben.

Aufzuatmen.

Und dein schweres Gemüt zu einem stolzen, immergrünen Baum heranwachsen zu lassen, der seine Äste und Blätter gen Sonnenstrahlen streckt.

Um ihre Wärme und Geborgenheit in sich aufzunehmen, durch sie zu gedeihen und die neu gewonnene Kraft und Energie, an andere vom Leben gezeichnete Bäume, weiterzureichen.

Dass auch diese ihre einstige Anmut zurückgewinnen, um eins zu werden mit sich und der Welt.

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